Skepsis

„Ich habe Angst, es nicht zu schaffen“

Viele Raucher kennen diesen Satz

Es gibt Sätze, die sagen mehr über einen Menschen aus, als er in diesem Moment selbst ahnt. „Ich habe Angst, es nicht zu schaffen“ ist so ein Satz.

Er klingt zunächst schlicht, ist kein dramatisches Bekenntnis. Und doch steckt in ihm oft eine lange innere Geschichte. Frühere Fehlversuche mit Enttäuschung, Selbstzweifeln und Scham. Vielleicht auch Trotz. Vor allem aber steckt in ihm die Sorge, am Ende wieder sich selbst eingestehen zu müssen: Ich wollte es, aber ich konnte wieder nicht.

Viele Raucher kennen diesen Satz. Manche sprechen ihn laut aus. Andere tragen ihn eher still in sich herum, während sie nach außen gelassen wirken. Wieder andere tarnen ihn pragmatisch als Vernunft und sagen dann Dinge wie: „Im Moment ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Oder: „Ich habe gerade zu viel Stress.“ Oder: „Später vielleicht, aber jetzt bin ich noch nicht soweit.“

Auch so kann sich Angst ausdrücken, nur in höflicher Umschreibung zu eigenen Beschwichtigung.

Die Angst vor dem Rauchstopp ist selten nur Angst vor Nikotinentzug

Wer glaubt, beim Rauchstopp gehe es nur darum, eine Substanz wegzulassen, unterschätzt das Thema. Die Angst, es nicht zu schaffen, meint nicht die Zigarette selbst. Sie richtet sich auf das, was man mit ihr innerlich verbunden hat.

Raucher fürchten alle Situationen, in denen die Zigarette stets präsent war: Nervosität,
Langeweile, schlechte Laune, Stress, die Kaffeepause, Geselligkeit und vieles mehr.
Sie scheuen also nicht bloß den Verzicht, sondern den Verlust einer Gewohnheit, die jahrelang selbstverständlich war.

Mutige stellen sich vielleicht auch die Frage: Wer bin ich eigentlich ohne dieses Ritual? Das reicht tiefer, als viele gern zugeben würden. Aber genau deshalb ist die Angst vor dem Aufhören so hartnäckig. Sie wirkt nicht wie ein einzelner Gedanke, sondern wie eine diffuse Ahnung: Ohne Zigarette könnte etwas aus dem Gleichgewicht geraten, das bisher nur mit ihrer Hilfe zusammengehalten wurde.

Kein Wunder, wenn jemand zögert, auf genau dieses Hilfsmittel zu verzichten.

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Frühere Fehlversuche hinterlassen Spuren

Für die Angst vor dem Scheitern, hat fast jeder Raucher aus seiner Sicht gute Gründe. Vielleicht gab es schon mehrere Anläufe. Einmal drei Tage. Einmal zwei Wochen. Einmal einen ganzen Monat. Mit viel Disziplin, großer Anstrengung und am Ende doch wieder dem Griff zur Zigarette.

Solche Erfahrungen bleiben nicht folgenlos. Sie prägen sich ein und werden über die Erinnerung hinaus sogar zu einem Urteil über die eigene Person. So entstehen die bekannten negativen Glaubenssätze:

„Ich bin wohl nicht konsequent genug.“
„Andere schaffen das, nur ich offenbar nicht.“
„Vielleicht bin ich einfach zu abhängig.“
„Mir fehlt eben die Stärke.“

Das Fatale daran ist, dass so aus einer Erfahrung eine Identität wird. Aus „Es hat damals nicht funktioniert“ wird „Ich bin jemand, der es nicht schafft“.

Dabei steckt in gescheiterten Versuchen nicht automatisch mangelnde Stärke. Sie belegen vielmehr, dass der Rauchstopp unter Bedingungen angegangen wurde, die innerlich noch nicht tragfähig waren. Oft mit zu viel äußerem Druck, meistens mit zu viel Verzichtsgefühl, immer aber mit zu wenig Verständnis für die eigentliche Abhängigkeit. Es hätte mehr Vorbereitung und besserer Einordnung dessen bedurft, was da körperlich und mental gerade passiert.

Schlimmer als das Scheitern selbst

Interessanterweise leiden viele Raucher nicht nur unter dem Rauchen, sondern auch unter der dauernden Vorstellung, aufhören zu sollen und es vielleicht nicht zu schaffen. Das Thema ist dann ein zwar stiller, aber allgegenwärtige Begleiter im Alltag.

Da mahnt zum einen das Wissen: Eigentlich müsste ich aufhören.
Zum anderen flüstert die Hoffnung: Eigentlich würde ich ja gern.
Und dann meldet sich die Furcht: Aber was, wenn ich wieder scheitere?

Diese Mischung der Emotionen kann zermürbend sein. Denn sie erzeugt einen dauerhaften inneren Konflikt. Man will frei sein, fürchtet aber den Weg dorthin. Man möchte sich selbst wieder vertrauen können, traut der eigenen Kraft aber nicht. Und je länger dieser Zustand anhält, desto eher beginnt ein Mensch, sich vor dem Versuch selbst zu drücken – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbstschutz.

Denn wer gar nicht erst anfängt, kann auch nicht scheitern. So denkt nicht die Freiheit. So denkt die Angst.

Warum Selbstzweifel so überzeugend wirken

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Selbstzweifel haben ein bemerkenswertes Talent: Sie klingen oft vernünftig. Sie sprechen leise, sachlich und mit dem Hinweis auf langjährige Erfahrung. Sie sagen nicht: „Ich möchte mich gern klein halten.“ Sie sagen eher:

„Sei realistisch.“
„Du kennst dich doch.“
„Mach dir nichts vor.“
„Es wäre schön, aber wahrscheinlich klappt es wieder nicht.“

Das Problem ist nicht nur, dass diese Sätze entmutigen. Schlimmer ist es, dass sie sich glaubwürdig anfühlen, gerade wenn jemand schon unangenehme Erfahrungen hinter sich hat.

Doch Beispiele aus der Vergangenheit liefern noch lange keine Handlungsanleitung für das Jetzt. Ein alter Denkfehler kann halt eine sehr vertraute Stimme haben.

Viele Raucher geben ihrer Angst das Etikett nüchterne Selbsterkenntnis. In Wahrheit schauen sie aber dabei nur durch die Brille früherer Enttäuschung auf eine Situation, die heute ganz anders angegangen werden könnte.

Verständnis schlägt Stärke

Kommen wir zu einem der häufigsten Gedankenmustern von Rauchern: Sie glauben, sie müssten für den Rauchstopp vor allem härter werden, also disziplinierter, durchhaltefähiger. Als bräuchten sie mehr innere Strenge, um endlich gegen sich selbst gewinnen zu können.

Genau dieses Bild ist das Problem. Denn wenn ein Mensch glaubt, gegen eine willkommene Hilfe, gegen einen Trostspender oder gegen seinen einzigen Stressausgleich kämpfen zu müssen, dann wird er einen Rauchstopp fast zwangsläufig innerlich ablehnen. Dann fühlt er einen Kampf im eigenen Inneren auf sich zukommen. Und Kämpfe kosten enorm viel Kraft.

Sehr viel hilfreicher ist ein anderer Ansatz: nicht härter werden, sondern klarer sehen.

Sobald sich die Sicht auf die Zigarette verändert, wenn sie nicht mehr als Freundin, Pause oder Stütze erscheint, sondern als Teil eines Systems, das Unruhe, Abhängigkeit und tägliche Fremdbestimmung erzeugt, verändert sich auch der ganze Charakter des Rauchstopps. Dann geht es nicht mehr darum, sich etwas Wertvolles brutal wegzunehmen. Dann geht es darum, einen Irrtum zu durchschauen.

Diese Sichtweise nimmt der Angst einen großen Teil ihrer Autorität.

Das Selbstbild der Raucher

Das ist ein wenig thematisierter, aber entscheidender Punkt. Wer tief in sich die Überzeugung trägt, nicht stark genug zu sein, erlebt jeden Aufhörversuch auch als Prüfung des eigenen Wertes. Es geht dann nicht nur um Zigaretten. Es geht um Selbstachtung. Um Würde. Und um die Frage: Kann ich mir selbst vertrauen oder nicht?

Deshalb schmerzt Scheitern beim Rauchstopp so sehr. Nicht, weil man wieder eine Zigarette angezündet hat. Sondern weil viele darin sofort eine Niederlage und einen Beweis ihrer mangelnden Stärke sehen.

Ein Rückfall beweist aber natürlich nicht, dass ein Mensch schwach ist. Er besagt zunächst nur, dass ein altes Muster noch stärker war als die bisherige Klärung. Mehr nicht. Das ist unangenehm, ja. Aber es ist nicht identisch mit einem Werturteil über die eigene Person.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn solange Menschen von ihren gescheiterten Aufhörversuchen auf ihre charakterliche Unzulänglichkeit schließen, werden sie jede neue Entscheidung von vornherin  mit diesem vermeintlichen Handicap unnötig beschwert treffen.

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Sicherheit entsteht durch Orientierung

Ein Mensch mit ängstlichen Gefühlen braucht nicht noch mehr Druck. Er braucht Orientierung.

Das gilt ganz besonders für den Rauchstopp. Wer sich fürchtet, es nicht zu schaffen, profitiert nicht von Sprüchen wie: „Du musst es nur wirklich wollen.“ Oder: „Andere schaffen das doch auch.“ Oder noch schlimmer: „Stell dich nicht so an.“

Solche Sätze beleidigen einen Raucher eher, als dass sie helfen. Sie unterstellen ihm Uninformiertheit oder Unwillen. Das eine ist so absurd wie das andere. 

Nötig ist ein ruhiger, klarer Blick auf das, was eigentlich passiert beim Rauchen. Was macht das Nikotin im Alltag? Warum hat die Zigarette eine solche Bedeutung? Was ist Entzug, was ist Gewohnheit, was sind Fehlverknüpfungen? Was passiert im Körper in den ersten Tagen nach dem Rauchstopp? Warum fühlen sich manche Dinge unangenehm an, obwohl sie nur ein Zeichen von Umstellung sind? Welche Gedanken sind typisch, ohne deshalb wahr zu sein?

Je mehr ein Mensch diese Zusammenhänge versteht, desto weniger bedrohlich wirkt der Rauchstopp. Angst lebt von Unklarheit. Orientierung nimmt ihr die Bühne.

Man darf Angst haben und trotzdem aufhören

Auch das ist ein wichtiger Gedanke. Wer glaubt, den Schritt erst dann gehen zu dürfen, wenn er sich ganz sicher fühlt, aalso wenn die Angst vor dem Scheitern weg ist – wann wird es denn soweit sein? Wann ist genug Mut da; wann fühlt sich alles innerlich geordnet an? Für die meisten rückt dieser Zeitpunkt immer wieder in weite Ferne.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mutig ist es, die Angst nicht mehr für die höchste Instanz zu halten und ihr einfach einmal die hübsche Verkleidung zu entreißen, unter der sie sich versteckt. 

Ein Mensch darf nervös sein und trotzdem die richtige Entscheidung ansteuern.
Er darf zweifeln und dennoch bereit sein, darf Respekt vor der Veränderung haben und sich trotzdem für Freiheit entscheiden.

Gerade beim Rauchstopp ist es wichtig, diese Ambivalenz zu akzeptieren. Denn wer darauf wartet, dass sich alles innerlich mühelos und vollkommen sicher anfühlt, wartet sehr lange, vielleicht ewig. Wer aber versteht, dass Angst ein normaler Begleiter großer Veränderungen sein kann, nimmt ihr bereits etwas von ihrer Macht. 

Vertrauen wächst aus Verstehen

Vertrauen wächst weder aus Selbstbeschimpfung noch aus Druck und schon gar nicht aus Angst. Und auch nicht aus dem ständigen inneren Kommando: „Reiß dich zusammen.“

Vertrauen wächst aus Erfahrung, aus Verstehen und aus einer Haltung, die den Menschen ermutigt statt kritisiert.

Es wächst, wenn man merkt: Ich bin nicht falsch, nur weil ich Angst habe.
Ich bin nicht schwach, nur weil ich gezögert habe.
Ich bin nicht unfähig, nur weil frühere Anläufe schwierig waren.

Der neue Weg zur Entscheidung beinhaltet neu hinschauen, neu verstehen und dann – neu anfangen und dabei besonders achtsam handeln. Dieses Vorgehen ist deutlich tragfähiger als Selbstverurteilung.

Rauchstopp ist keine Charakterprüfung

Vielleicht gehört genau dieser Gedanke viel öfter laut ausgesprochen: Der Rauchstopp ist keine Prüfung, in der sich entscheidet, ob jemand stark oder schwach, tapfer oder feige, würdig oder unzulänglich ist.

Rauchen aufhören ist zunächst eine Neuorientierung, und zwar eine bedeutende körperliche und mentale Veränderung. Aber es ist keinesfalls eine moralische Prüfung der Person. Diese Erkenntnis nimmt ungeheuren Druck aus dem Thema. Und Druckabbau ist beim Rauchstopp kein Luxus. Er ist eine Voraussetzung dafür, dass Klarheit überhaupt entstehen kann.

Fazit

„Ich habe Angst, es nicht zu schaffen“ ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein zutiefst menschlicher Satz, in dem frühere Erfahrungen, Selbstzweifel und die Sorge vor erneutem Scheitern zusammenkommen.

Gerade deshalb verdient er keine Verachtung, sondern Verständnis.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Angst da sein darf. Die wichtigere Frage ist, ob sie berechtigt ist. Und sehr oft ist sie das nicht. Sie spricht mit der Stimme alter Erfahrungen über eine Zukunft, die noch gar nicht entschieden ist.

Es braucht für den Rauchstopp auch nicht mehr Härte. Es braucht Klarheit und Orientierung. Und nicht zuletzt die Erlaubnis, sich nicht länger mit den Augen früherer Enttäuschung zu betrachten.

Angst muss nicht verschwinden, damit Freiheit möglich wird. Es reicht schon, wenn sie nicht mehr das Steuer in der Hand hält.

Zum Weiterlesen

Wenn du dich fragst, ob ein Rauchstopp überhaupt ohne Pflaster, Spray, Kaugummi und ähnliche Ersatzlösungen funktionieren kann, dann führt der nächste Beitrag genau an diesen Punkt:

Rauchstopp ohne Pflaster, Spray und Kaugummi – kann das wirklich funktionieren?

Passend zu diesem Thema

Wer den Rauchstopp nicht mit Druck, sondern mit einem klareren Verständnis angehen möchte, findet in meinem Buch „Bevor du aufhörst… 5 Dinge, die du vor dem Rauchstopp wissen (und tun) solltest“ eine fundierte Vorbereitung.

Und was in den ersten Wochen nach der letzten Zigarette körperlich und mental geschieht, beschreibe ich in „Aufgehört – und jetzt?“.

Regina Hildebrandt

Regina Hildebrandt

Präventologin / Coachin / Autorin

Von der ausgebildeten Journalistin über die geprüfte Präventologin bis hin zur Coachin und Autorin lief aus heutiger Sicht alles geradezu zwangsläufig auf meine jetzige Tätigkeit hinaus. Wie ein roter Faden zog sich dabei das Thema Gesundheit sowohl beruflich als auch privat durch meinen Werdegang zum heutigen Status als Expertin für Rauchentwöhnung.

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